Transparente Wahlurnen

Was mich persönlich vor einigen Wochen extrem genervt hat, war die öffentliche Aufregung darüber, dass beim Referendum auf der Krim transparente Urnen benutzt wurden, auch im Bekanntenkreis. Dann sei die Wahl ja nicht mehr geheim.

Grundsätzlich ist das Unfug. Schauen wir uns eine solche „Glasurne“ einmal in Aktion an, hier am Beispiel einer französischen Kommunalwahl:

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Vor Einwurf in die Urne wird ein Wahlzettel nämlich für gewöhnlich gefaltet. Oder, wie hier, zusätzlich in einen Umschlag gesteckt. Man kann lediglich sehen, wie viele Umschläge in der Urne liegen. Und wenn man seinen Stimmzettel zweimal knickt, faltet er sich auch nicht mehr beim Einwurf auf.

Falls ein freundlicher junger Herr mit Sturmgewehr in der Hand vor Einwurf kurz auf den Stimmzettel gucken will, ist die Art der verwendeten Urne hingegen nicht relevant.

Im Gegensatz zu den undurchsichtigen Urnen, wie sie hierzulande bei Wahlen (und auch bei unseren Studierendenparlamentswahlen) verwendet werden, bieten transparente Urnen einen Vorteil: Man kann grundsätzlich solche Wahlfälschung erkennen, bei der schon vor der Wahl Stimmzettel in der Urne platziert werden. Die ersten Wähler morgens um 8 Uhr sollten sich dann wundern. Spezielle Urnenkonstruktionen, bei denen durch einen Mechanismus falsche Stimmzettel beigemengt werden können, lassen sich ebenfalls kaum aus transparenten Materialien bauen.

Grundsätzlich wäre es natürlich möglich, sich zu merken, wo in der Urne der Stimmzettel einer bestimmten Person gelandet ist, und diesen dann bei der Auszählung gezielt wieder herauszuziehen. Viel Glück dabei.

Fazit: Transparente Urnen erlauben lediglich, während der Wahl die Zahl der an der Urne abgegebenen Stimmen abzuschätzen. Dafür sind Manipulationen der Urne an sich quasi unmöglich. Auf das Wahlgeheimnis hat die Art der verwendeten Urne keinen Einfluss. Daher wäre die Verwendung transparenter Urnen eigentlich demokratischer.

Es ischt soweit

Wenn sich die Tore der altehrwürdigen Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn am Montag das nächste Mal öffnen, geht es los: 4 Tage Wahl-Wahnsinn.

Für die Verunsicherten unter euch gibt es hier nochmal die Kurzzusammenfassung eines komplikationsfreien Wahlvorgangs (das in Rot sind die Wahlhelfenderinnen und Wahlhelfer.) Und für alle gilt: „Bitte jeder nur ein Kreuz!“ sowie „Vote early, vote often!“ 😉

howtovote

Neutral wie die Schweiz

Nächsten Mittwoch steigt wieder einmal in Vorbereitung auf die große Wahl (welche Wahl?) in der Mensa Nassestraße die Elefantenrunde (Link zur Facebook-Veranstaltung).

Auf dieser Veranstaltung sitzt von jeder zur Wahl antretenden Liste eine Person auf dem Podium und „unterhält“ sich mit den anderen Leuten rundherum. Moderiert wird das Ganze voraussichtlich von Hendrik Erz von bonnFM, dem besten studentischen Radiosender in Bonn überhaupt. Und natürlich darf auch das Publikum Fragen stellen.

Eigentlich wäre das eine gute Gelegenheit, die Spitzenkandidierenden mal so richtig zu grillen. Man könnte fragen, ob die Spitzenkandidierenden vorhaben, sich nach der Hälfte der Legislaturperiode ins Ausland abzusetzen1, wie viele (und welche) der Listenplätze sofort nach ihrer Wahl zurücktreten werden2, oder man fragt eine Liste gezielt, warum sie die Wählerschaft in Wahlzeitung oder Wahl-O-Man in einem konkreten Punkt dreist anlügt3. Oder warum alle Listen versuchen, ein falsches Bild von sich zu vermitteln und sich künstlich jünger zu machen. Jaja! Da soll niemand sagen, „seine“ oder „ihre“ Liste mache das nicht! Legt mal die letzte und die aktuelle Wahlzeitung nebeneinander und vergleicht *grins*

Jedenfalls. Ich könnte das tun, genug Ahnung von der ganzen Materie habe ich. Allerdings bin ich auch Mitglied im Wahlausschuss, und als solches habe ich meine Aufgaben „unparteiisch[] und gewissenhaft[]“ zu erfüllen,  wie die Wahlordnung es so schön ausdrückt. Und das bedeutet insbesondere: Keine Wahlkampfhilfe und kein Coaching.

nein

Keine Wahlkampfhilfe

Eigentlich klar. Ich helfe niemandem beim Plakate kleben, ich verziere im Gegenzug auch niemandes Plakate, ich zerlege nicht die „Argumentation“ einer Liste, wovon andere Listen im Wahlkampf profitieren könnten (wenn es denn bei euch Apathikern überhaupt einen Unterschied machen würde). Wir organisieren hier unsere Wahl und sonst nichts4 – wenn euch etwas nicht passt, was die anderen machen, wendet euch an den Ältestenrat.

Kein Coaching

oder aber „warum bist’n du soooo!“. Das Coaching-Konzept stammt aus der Sammelkartenspielszene und wird in diesem Artikel schön erklärt.

„Keine Wahlkampfhilfe“ heißt: Ich tue nichts, was einer Liste hilft. „Kein Coaching“ bedeutet, kurz zusammengefasst: Ich nehme einer Liste nicht das Denken ab – ich sage einer Liste nicht, was sie tun sollte.

Ein Beispiel: Hans von der Liste X fragt mich, wie seine Liste letztes Jahr exakt hieß, damit er sie dieses Jahr wieder genauso nennen und seinen formidablen 7. Platz auf dem Stimmzettel behalten kann. Das Problem: Wenn ich ihm diese Frage beantworte, sage ich ihm, was er tun soll.

Die Lösung für Hans wäre in diesem Fall, eine andere Frage zu stellen: „Wo finde ich die exakten Listennamen der zur letzten Wahl angetretenen Listen?“ Dass diese in der letztjährigen Wahlzeitung und dem vorläufigen amtlichen Endergebnis stehen, ist eine allgemeine Information, die ich problemlos loswerden kann.5

Noch ein Beispiel: Hilde, ebenfalls von Liste X und eine alte Schulfreundin von mir, hat zum donnerstäglichen Kaffeekränzchen die Wahlbewerbung ihrer Liste mitgebracht und fragt, ob ich mal eben drübergucken könnte, ob grobe Fehler drin sind.6 „Coaching!“ werden da die ersten schreien und ja, vollkommen richtig: Ich würde Hilde sagen, was sie tun soll, um das bestmögliche Ergebnis (keine Mängel) zu erzielen, und das geht natürlich nicht.

Hilde könnte schon fragen, ob man denn alle Vornamen auf die Bewerbung schreiben müsse, die auf dem Studentinnenausweis stehen (Ja.7) und ob man vielleicht noch auf den Stimmzettel schreiben lassen kann, dass ihr Hund „Egon“ heißt (Nein???8). Der Standardweg wäre allerdings, einfach alles nach bestem Wissen und Gewissen auszufüllen, einzureichen und dann auf die meterlange Mängelliste nach der Prüfung durch den Wahlausschuss zu warten.9

Ein drittes Beispiel: Hans fragt mich, an welchem Urnenstandort man am besten Wahlwerbung machen kann. Abgesehen davon, dass rund um die Wahllokale eine Bannmeile mit 5 Metern Radius liegt, innerhalb derer Wahlwerbung weder hängen, noch liegen, noch getragen werden darf, würde ich ihm mit Beantwortung dieser Frage das Denken abnehmen. Ergo: Mööp.

Das Coaching-Prinzip ist vermutlich für Menschen mit mathematischer Grundausbildung verständlicher als für solche, die sich eher geisteswissenschaftlich-künstlerisch orientiert haben. Grundsätzlich sollte man aber mitnehmen: Ein „Nein, diese Frage kann ich dir nicht beantworten“ ist nicht unbedingt ein „Nein, das sage ich dir nicht“, sondern vielleicht auch ein „Wenn du allgemeiner fragst und dann ein bisschen selbst denkst, wird’s vielleicht was“.

  1. kommt vor
  2. kommt vor
  3. kommt vor
  4. Ja, und die Elefantenrunde. Ist halt Teil der Wahl.
  5. Wobei es sich hierbei mittlerweile ja insgesamt um eine akademische Frage handelt.
  6. Eine Frage, die sich eigentlich immer im Brustton der Überzeugung mit „Ja!“ beantworten lässt, wie die Erfahrung zeigt.
  7. Wenn du ein Problem mit einem deiner Vornamen hast, besprich das mit deinen Eltern.
  8. Ein Antrag diesbezüglich an den Wahlausschuss ist selbstredend möglich.
  9. nächstes Jahr wird alles besser. Dann gibt es eine neue Wahlordnung, die alles einfacher macht. HAHAHAHAHA!